Die Museumsgesellschaft erinnert in Dankbarkeit an ihren verstorbenen Vorsitzenden Reiner Blumentritt. 34 Jahre leitete er mit viel Engagement unseren Verein. Der Verstorbene widmete sein Leben der Archäologie und machte seine Heimat weltweit bekannt. Seinem unermüdlichen ehrenamtlichen Wirken sind der Fund der Venus vom Hohle Fels und die Eintragung der Höhle auf die Liste der UNESCO Welterbestätten mit zu verdanken.

30.09.1943
Geboren in Orlamünde / Thüringen. Anfang der 1950er Jahre verlässt die Familie die DDR und siedelt nach
Schelklingen um.
1950er Jahre

Reiner durchstreift mit seinem Freund Dieter UNGERER die Umgebung von Schelklingen, vor allem die Höhlen. Dort treffen die Jungen auf die Schelklinger Heimatforscherin Gertraud MATSCHAK. Sie werden bald ihre eifrigen Helfer bei der Erforschung archäologischer Fundplätze. Dabei macht Reiner die Bekanntschaft von Professor Gustav RIEK, der das Talent des Jungen erkennt. Er soll das Abitur ablegen und Archäologie studieren. Doch sein Vater entscheidet sich gegen diesen Weg: "Der Bub soll was Anständiges lernen". Für ihn bedeutet dies eine Lehre zum Werkzeugmacher.

1955 - 1961 Reiner Blumentritt darf RIEK bei Ausgrabungen helfen. In seiner freien Zeit ist er Grabungshelfer bei den Ausgrabungen in Blaubeuren (Große Grotte) und Schelklingen (Hohle Fels).
1956/57

Beim Durchstreifen der Talhänge des Aachtales  entdeckt er die Höhlenruine des Geißenklösterle bei Blaubeuren-Weiler als archäologische Fundstelle.

 1960er Jahre

Beruflicher Werdegang bei der MEFA Schelklingen; weiter als Hobbyarchäologe tätig; Fund eines Bronze-Horts bei Ringingen; Sicherung von heimatgeschichtlich wichtigen Funden in Schelklingen. 

1970 Gertraud MATSCHAK verstirbt. Die bürgerliche Gemeinde Schelklingen lässt desinteressiert die Verschleuderung ihrer archäologischen und heimatgeschichtlichen Sammlung zu. Eine schmerzliche und prägende Erfahrung für Reiner Blumentritt.
Anfang 1970er Jahre 

Reiner Blumentritt wird einer der ersten ehrenamtlich Beauftragten des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg, eine Funktion, die er bis zu seinem Tode inne hatte. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit erhält er den Auftrag, die wertvollen archäologischen Bestände des Altertumsvereins Ehingen sicherzustellen. Er kommt in Kontakt mit jungen heimatgeschichtlich Interessierten in Ehingen, u.a. mit Siegfried MALL. Sie schmieden Pläne zur Gründung eines geschichtlichen Vereins.

 1975 Mitbegründer der Museumsgesellschaft Ehingen e.V. und bis Mitte der 1980er Jahre Vorstandsmitglied im Verein. Der junge Verein ist an Planung des Aufbaus eines Heimatmuseums maßgeblich beteiligt, Reiner der Experte für die archäologischen Funde.
 1977

Joachim HAHN untersucht die Fundstelle Geißenklösterle und gräbt zur Abgleichung seiner Funde  im Helga Abri an der Westseite des Hohle Fels. Reiner freundet sich mit dem Archäologen an und kann ihn überzeugen, auch die Riek'sche Grabung in der Eingangshöhle des Hohle Fels zu untersuchen. HAHN wählt eine Nische an der linken Wand der Höhle und macht beeindruckende Funde. Fortan wird unter HAHNs Leitung alljährlich in der Höhle gegraben.

In Schelklingen schart Reiner Blumentritt heimatgeschichtlich Interessierte um sich. Sie tragen Funde zusammen und planen, diese in einem eigenen Museum auszustellen.

1980er Jahre 

Aufbau eines ersten Heimatmuseums neben den Archivräumen im 1. OG des Rathaus II. in Schelklingen zusammen mit Franz RADE, Winfried HANOLD und Dagobert BAUR. Das Team begleitet die anlaufende Stadtkernsanierung und sichert zahlreiche stadtgeschichtlich bedeutende Funde.

 1982/83 Entdeckung der frühmittelalterlichen Siedlung „Zwischen den Wassern“ beim Steinwerk in Schelklingen.
1984

„Heiße Phase“ der Einrichtung des Ehinger Heimatmuseums.
Parallel dazu Gründungsbestrebungen zu einem Museumsverein in Schelklingen. Damit wird der Plan fallen gelassen, die Schelklinger Gruppe als Abteilung in den Ehinger Verein aufzunehmen.

Viel beachtete Bilderausstellung zum Stadtjubiläum "750 Jahre Stadt Schelklingen" mit historischen Ansichten aus Schelklingen. Zusammen mit Siegfried MALL organisiert Reiner Blumentritt erstmals ein Konzert in St. Afra, welches überregional Beachtung findet.

 April 1985 Bauaufnahme im ehemaligen "Spital" mit dem Zweck, dort ein Museum einzurichten. Die Pläne werden nicht weiter verfolgt, weil die Stadt die Mittel für den Bau eines neuen Rathauses dringender benötigt.
03.05.1985

 46 Schelklinger*innen folgen der Einladung von Reiner Blumentritt zu einer Vorbesprechung zur Gründung eines Museumsvereins.

21.06.1985

Gründungsversammlung des Vereins als "Museumsgesellschaft Schelklingen - Verein für Heimatgeschichte" im Versammlungsraum des Feuerwehr-Hauses. Über 50 Schelklinger*innen nehmen teil, viele davon zeichnen sofort als Mitglieder des Vereins. Reiner Blumentritt wird zum 1. Vorsitzenden gewählt.

Juni 1986 

Reiner Blumentritt organisiert eine erste Lehrfahrt ins Altmühltal. Von nun an sind solche Lehrfahrten als "Jahresfahrt" fester Bestandteil des Vereinsprogramms und werden von Reiner bis ins letzte Detail akribisch geplant und geleitet.

 November 1986 Sonderausstellung zum 150. Geburtstag des Malers Sebastian Luz. Reiner Blumentritt gewinnt die Mitarbeit der Ehinger Kunsthistorikerin Iris RADI. Durch diese Zusammenarbeit können bis zum Unfalltod von Iris RADI 2015 weitere Kunstausstellungen verwirklicht werden.
1987 - 1993

Zusammen mit seinem tatkräftigen Vorstandsteam organisiert Reiner Blumentritt den Umzug des Museums vom Rathaus II ind Rathaus I und schließlich ins Spital. Er ist treibende Kraft bei der Gründung eines Museumszweckverbandes. Dieser stellt die Archäologin Anne SCHEER ein, die auch den Aufbau des Museums im Spital leitet.

1988 Schon 1979 - 1984 war das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren erweitert worden. Nun sollte ein Förderverein das Museum unterstützen und voran bringen. Reiner Blumentritt begleitete diesen Prozess und wurde Gründungsmitglied der Gesellschaft für Urgeschichte (GfU).
1996

Reiner Blumentritt setzt sich für eine Renovierung des Schlossturmes ein. Er ist an der Gewinnung von Sponsoren für dieses Projekt beteiligt. Darüber kommt der Kontakt mit dem Brauchtumsverein Schelklingen zustande, der künftig den renovierten Schlossturm betreiben wird und Partnerverein der Museumsgesellschaft wird.


Erkrankung von Prof. HAHN. Das Landesdenkmalamt will deshalb die Grabungen im Hohlen Fels einstellen und die Grabungsstelle zuschütten lassen. Reiner Blumentritt kann das in letzter Minute verhindern, indem er Kontakt mit Hans Georg KRAUT aufnimmt, dem Werksleiter von Heidelberger Zement in Schelklingen. Der Konzern kann als Sponsor für die Ausgrabungen gewonnen werden.

1997

Tod von Prof. HAHN. Reiner Blumentritt setzt sich bei der Uni Tübingen und dem LDA für eine Weiterführung der Ausgrabung ein. Prof. CONARD kommt am 20.5. als möglicher neuer Grabungsleiter zu einem Ortstermin in die Höhle. Die Ausgrabungen werden fortgeführt.

Um weitere Mittel für eine Fortführung der Grabung zu gewinnen, greift Reiner Blumentritt den Vorschlag von Wolfgang UFRECHT auf, im Hohle Fels Höhlenkonzerte zu veranstalten. Am 3. August veranstaltet der Höhlen- und Heimatverein Laichingen das erste Höhlenkonzert im Hohle Fels, welches ein großer Erfolg wird.

1998

Der Holzsteg über die Grabungsfläche im Hohle Fels bricht zusammen. Reiner Blumentritt bemüht sich intensiv um eine Neuausführung in Stahl und kann das Zementwerk dafür gewinnen. 2001 wird die neue Besucherbrücke eingebaut.

1999

Reiner Blumentritt muss Umbrüche managen. Der Museumszweckverband wird aufgelöst. Er setzt sich dafür ein, dass der Aufbau des Stadtmuseums der Museumsgesellschaft übertragen wird. Auf sein Betreiben weicht Schelklingen vom üblichen Konzept von Heimatmuseen ab. Das Museum konzentriert sich auf die Alleinstellungsmerkmale von Schelklingen, Häfnerei und Archäologie.

Die von Reiner geschätzten Konzerte in St. Afra werden eingestellt, weil Kosten und Ertrag in keinem Verhältnis mehr stehen.

2001

Der Festplatz vor dem Hohle Fels soll aufgewertet werden. Reiner Blumentritt gewinnt Unterstützer für die Anlage eines Rast- und Grillplatzes und initiiert eine Baumpflanzaktion.

2003

Reiner Blumentritt rettet Schelklinger Kunstgegenstände, St. Ulrich und ein Kruzifix, buchstäblich in letzter Minute vor einer Veräußerung in die USA. Der Verein stemmt den Ankauf der Objekte.

2005

Wieder ist Reiner Blumentritt gefordert. Als Mitglied des Gemeinderates kämpft er gegen Bestrebungen in diesem Gremium, das Museum nach nur 12 Jahren zur Kostenersparnis wieder zu schließen. Die Schließung kann abgewendet werden, auch weil er über den Verein öffentlichen Druck aufbauen kann.

Gleichzeitig bemüht er sich um weitere Unterstützer für die Ausgrabungen im Hohle Fels und kann die Blaubeurer Unternehmerfamilie Merkle (Ratiopharm) gewinnen

2006/07

Über den Hohle Fels gibt es nur ein veraltetes Heft. Reiner Blumentritt bemüht sich um die Erstellung eines Führers / Buches über die Höhle und die Ausgrabungen. Die Vorarbeiten verlangen viel Geduld von ihm. Schließlich gewinnt er Dr. Sybille WOLF und Prof. CONARD als Autoren und eine Reihe von Sponsoren als Unterstützer. Das Buch wird 2015 veröffentlicht.

Im Museum werden die Räume im 1. OG neu gestaltet. Reiner Blumentritt gewinnt Kurt LANGGUTH, ehemals örtlicher Grabungsleiter im Hohle Fels, als Gestalter für die archäologische Ausstellung. in enger Zusammenarbeit der beiden kann die Ausstellungseinheit bereits am 20.03.2007 eröffnet werden.

2008/09

Sein beharrlicher Einsatz für die Ausgrabungen im Hohle Fels trägt sensationelle Früchte. Die älteste plastische Menschendarstellung der Welt, "Venus vom Hohle Fels", und das älteste Musikinstrument, die "Geierknochenflöte", werden gefunden. Reiner setzt sich dafür ein, dass die Funde in der Region, im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren, ausgestellt werden.

2010

Für Reiner ist es wichtig, die Neufunde offensiv in die Öffentlichkeit zu bringen. Auf seine Initiative vertritt die Museumsgesellschaft erstmals die Stadt Schelklingen auf der CMT. Am Stand der Stadt steht eine Bronzestatue „Venus“ von Ralf EHMANN. Sie wird auf Betreiben von Reiner am 27.10. im Foyer des Rathauses an Stelle des Nepomuk aufgestellt. Diese Aktion findet in der Bevölkerung, aber auch im Verein nicht nur Befürworter.

2011 Es gelingt Reiner Blumentritt den Gemeinderat zur Freigabe weiterer Mittel für einen Ausbau des Museums zu bewegen. Eine Geologieausstellung rund um die "Schelklinger Schildkröte" soll aufgebaut werden. Sie wird am 20.11.2015 eröffnet.
2014

Reiner Blumentritt regt an, die "Venus" im Stadtbild sichtbar zu machen. Der Vereinsvorstand beschließt, der Stadt eine repräsentative Venus-Statue zu schenken; daraus wird ein Bürgerprojekt mit zahlreichen Unterstützern. Als am 25.07.2015 die Venus-Statue von Ralf Ehmann auf dem Rathausplatz enthüllt wird, kann Reiner wegen einer Erkrankung nicht einmal teilnehmen.

09.072017 Ein Glückstag für Reiner! Der Hohle Fels wird zusammen mit fünf weiteren Höhlen im Ach- und Lonetal auf die Liste des UNESCO-Welterbes mit dem Titel "Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb" aufgenommen. Es ist die Krönung seiner jahrelangen Bemühungen um den Hohle Fels!
2018

Die Freude über die Aufnahme des Hohle Fels ins Welterbe der UNESCO weicht bei Reiner der Ernüchterung. Die Ausweisung der Schutzzonen um die Höhle lässt sein großes Projekt, ein Informationszentrum beim Hohle Fels, in weite Ferne rücken.

Zum ersten Mal seit 1986 kommt keine Jahresfahrt zustande. Reiner Blumentritt erkennt, dass über alle anderen Aktivitäten eine Erneuerung der Vereinsstrukturen vernachlässigt wurde. Dies rächt sich nun auch in anderer Hinsicht.

Die Stadt hat eine Fachkraft für Tourismus eingestellt. Laura GOBS legt eine Betriebskonzeption für den Hohle Fels vor, die der Verein in der vorgelegten Form nicht stemmen kann. Zusammen mit dem Vorstand erarbeitet Reiner Blumentritt einen Gegenvorschlag.

12.11.2018

Reiner Blumentritt erhält den Archäologie-Preis Baden-Württemberg 2018 für seine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit für die Landesarchäologie.

2019 

Reiner Blumentritt trägt im Februar den Gegenvorschlag bei einer gemeinsamen Sitzung mit dem Gemeinderatsausschuss für Tourismus vor. Zu seiner großen Enttäuschung bleibt von den Vorschlägen dem Verein nur die Führungstätigkeit im Hohle Fels, alles andere wird dem Verein entzogen. Auf die weiteren Vorschläge geht das Gremium nicht ein. Reiner sieht darin die Zerstörung seines in Jahrzehnten aufgebauten Werkes. Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit fehlt ihm die Kraft, in gewohnter Weise dagegen anzukämpfen.

Reiner kann vom 19. bis 23. Juni eine Jahresfahrt nach Thüringen, seine alte Heimat, leiten, für ihn eine große Freude. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen kann, sollte es eine Abschiedsfahrt werden.

 08.12.2019

Nach kurzen Krankenhausaufenthalten in Ulm und Ehingen verstirbt Reiner Blumentritt im Alter von 76 Jahren im Ehinger Krankenhaus.

Nur einen Tag nach seinem Tod wird die Statue des St. Nepomuk an der Aachbrücke aufgestellt, ein Gemeinschaftsprojekt von Museumsgesellschaft und Stadt, welches Reiner seit längerer Zeit betrieben hat. Welche Ironie des Schicksals!

 30.01.2020 In der evangelischen Pauluskirche in Schelklingen findet im Beisein von zahlreichen Weggefährten, Vertretern von Denkmalamt, Universität und Politik, die Trauerfeier für Reiner Blumentritt statt. Seine Urne wird am Tag darauf im kleinen Kreis auf dem Friedhof bei St. Afra beigesetzt.
 

In Schelklingen sollte man nicht vergessen, was die besonderen leistungen von Reiner Blumentritt für die Stadt sind:

  • Rettung archäologisch und stadtgeschichtlich wichtiger Substanz vor Verfall oder der Vernichtung.

  • Aufbau und Ausbau eines Stadtmuseums.

  • Hohle Fels als archäologische Forschungsstätte von Weltbedeutung.

  • Unermüdliche Suche nach Sponsoren für vorgenannte Zwecke und Bündelung der vorhandenen Kräfte für diese Zwecke.

  • Erhalt und Bekanntmachung des Fremdenverkehrs-Potentials von Schelklingen in einer Zeit, als das offizielle Schelklingen dieses Potential demonstrativ ignorierte und die dafür prädestinierten Vereine dazu nicht in der Lage waren (sind).

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Reiner, der Verein dankt dir für deinen Einsatz! Wir werden dich in dankbarer Erinnerung behalten!

 

                                                                          Foto: Amrei-Marie, wikimedia commons